// Ellen Keusen Portrait


Ausdehnung und Grenze – Zu Werken von Ellen Keusen

Von den drei Gestaltungsmöglichkeiten der Zeichnung, dem Punkt, der Linie und der Fläche, gilt die Aufmerksamkeit im Werk von Ellen Keusen vor allem der Linie. Diese tritt ungeachtet verschiedenster Längen in allen erdenkbaren Erscheinungsformen darin auf, ob als gezeichneter Strich, ob als Stiel eines Eschenblattes oder als sich biegender Stahlstab. Allein in dieser Aufzählung verbergen sich differenzierte Eigenschaften des Linearen, das als weiche, fast poröse Struktur, als gewachsene Naturform oder als abstrakte Setzung aus einem industriellen Material erscheinen kann. Gemeinsam ist diesen Linien, dass ihnen nicht die Verbindung zweier Punkte wesentlich ist, die Betonung von Anfang und Ende, als vielmehr das Dazwischen und mit ihm der Nachweis in Bewegung geratener Zeit.
Ein weiteres Merkmal der Arbeiten von Ellen Keusen ist spätestens seit Mitte der neunziger Jahre die Addition gleicher Elemente, die im Falle der Linie zur Reihung oder zu einer sie selbst überdeckenden Verdichtung führt. Dieses additive Prinzip, dem die einzelne Linie bis zur Auflösung unterworfen wird, bildet keine gleichförmige Ordnung, eher eine Art geordnetes Chaos, das Assoziationen zum Wachsen der Natur nahelegt. Gemeinsam prägen die Betonung des Linearen und das additive Prinzip zwei charakteristische Grundlagen eines Werkes, mit dem sich Ellen Keusen einen universalen Begriff von Zeichnung erarbeitet hat. Deren Träger kann ein überschaubares Blatt Papier ebenso sein, wie eine große weiße Wand oder ein realer Raum. Allen gemeinsam ist ihre letztlich dreidimensionale Auffassung, denn sie bilden imaginäre Räume, von denen sich die Linie um so mehr abzulösen vermag, als sie dem Betrachter entgegenwächst.

Punkt und Fläche spielen in diesem Werkbegriff insofern einer Rolle, als sie aus den vielfachen Reihungen, die sich im Neben- und Übereinander ergeben, Gestalt annehmen, zur Form werden können. Ihre Kontur bleibt dabei zwangsläufig diffus, was bei näherer Betrachtung nicht als Mangel, vielmehr als Qualität des Zeichnerischen und als ein wesentliches Anliegen im Werk von Ellen Keusen erlebt und verstanden werden kann.
Die Auflösung von Raum, die Überwindung der Grenzen zwischen den Dingen und die Relation verschiedener Zeitmaße bilden Grunderfahrungen, die sich mit dem Erleben dieser Werke verbinden. »Vom Raum zwischen den Dingen« lautet nahezu prototypisch der Titel einer mit etwa 200 Blättern sehr umfangreiche Gruppe kleinformatiger Zeichnungen, die Ellen Keusen erstmals 1994 in der Kölner »arthotek« ausstellte. Darin erprobte sie mit verschiedensten Techniken, auch mit linker Hand und im unmittelbaren Reagieren auf bereits vorgefundene Setzungen, die Distanz erzeugenden Eigenschaft des Zeichens und jenseits seiner Isolation die Qualität der von ihm spannungsvoll beeinflussten Zwischenräume, die sich mehr und mehr zu ihrem eigentlichen Thema entwickeln sollten.
Fünf Jahre später bewirkten die Anhäufungen von Staub in den Ecken einzelner Platten auf dem von Arbeitsspuren gezeichneten Fussboden einer abgelebten Fabrikhalle im Kölner »KunstWerk« eine räumliche Auflösung der gleichmäßig gerasterten Fläche. Das fragile Material verunsichert den Betrachter, der sich in diesem Terrain nur tastend vorbewegen mochte, und ließ eine Kraft vorstellbar werden, die – man denkt an die aufgeworfenen Schalen in C.F. Friedrichs Gemälde »Das Eismeer« (Hamburger Kunsthalle) – den Raum ins Bodenlose führen würde.
Gleichzeitig durchdrang die Zeitstruktur der sich ebenso rhythmisch wie langsam ausbreitenden »Zeichnung« die ablesbare Geschichtlichkeit des Ortes.
Die aus der Addition zarter Striche gebildeteten »Punkte« ihrer jüngsten Werkreihe pulsieren. Der inoffizielle Teil ist irreführend, denn während ein Punkt für gewöhnlich einen Ort definiert und sich selbst Mitte ist, ist ihre Mitte völlig vage, abhängig von der nahezu unmöglichen Fokussierung durch den Betrachter. Aufgrund ihrer fehlenden Kontur dehnen sie sich aus und ziehen sich gleichsam doch so zusammen, bemessen in ihrer scheinbar unendlichen Tiefe auch eine Entfernung nach innen. Es wird sich mancher fragen, was Ellen Keusen dazu bewegt, fast vierundzwanzig Stunden lang an einer einzigen nicht briefbogengroßen Zeichnung zu arbeiten und diesen Entstehungsprozess in einem Leporello mit stündlich gescannten Abbildungen zu dokumentieren oder in zwei Wochen eines täglichen Handwerkes eine einzige Wandzeichnung auszuführen, die zuletzt als diffuse Verdichtung auf der großen weißen Fläche erscheint. Man muss einerseits wohl dem unendlichen Raum der Zeichnung verfallen sein, um dieses »machen« als Abenteuer zu erfahren, so besteht andererseits auch die Möglichkeit, dass der Betrachter im Nachvollzug eben in diesen Raum hinein entführt wird.
Denn etwas, das zwar konkret im Raum jedoch ohne scharfe Kontur zu sehen ist, verliert seine Grenze, so wie Ellen Keusen vermutlich das Bewusstsein ihrer eigenen Grenze dort überschreitet, wo sie im »machen« den Überblick von Anfang und Ende und die Wahrnehmung der eigenen Zeitlichkeit verliert (»Schnecken leben in einem anderen Zeitmaß«). So dehnt Ellen Keusen in diesen Arbeiten vor allem ihre eigene Zeit aus, in der sie selbstvergessen, bis zum Nachlassen schöpferischer Anspannung aus dem Handgelenk geführte Strichlängen in kreisförmiger Anordnung mit einem schwarzen, immer wieder nachzuspitzenden Aquarellstift in bis zu zwölf Lagen matt übereinander schichtet.
Die dabei entstehenden »Wolken« erhalten im Hinblick auf die Wahrnehmung mit ihrer Ausdehnung und Grenze ständig wechselnder Formate, denn unser auf Kontraste ausgerichtetes Sehen klärt das Verhältnis von Figur und Grund stets anders. »Ich halte mit Sturheit an dem Ziel fest, die Übergänge zu verschleifen«, äußert sich Ellen Keusen heute, und arbeitet ungeachtet ihrer Erkenntnis, dass die »Kluft zwischen den Dingen unüberwindbar ist«, weiter an einem Zustand, in welchem die Dingwelt mit der Vorstellungswelt nahtlos verbunden wäre. – Wer von uns weiß denn schon, wie ein Stein in dunkler Nacht das über ihm wandernde Sternbild erlebt?«

Stefan Kraus

// Ellen Keusen / vita



1947 born in Düsseldorf/ D
Studies at the School of Arts & Crafts (Werkkunstschule), Düsseldorf and at the Art Academy (Hochschule für bildende Künste), Berlin/ D

Currently lives and works in Cologne, Germany.


SOLO EXHIBITIONS (selection) (K = Katalog / catalogue)

2015 Probebühne, Kunst- und Museumsbibliothek, Cologne/ D
2014 Transit, Galerie Martin Kudlek, Cologne/ D
2013 Berta, ich, Kolumba Museum, Cologne/ D
2012 Ellen Keusen – Zeichnungen auf Papier, BuchKunst Kleinheinrich, Münster/ D
2011 Leinwandzeichnungen, Galerie Ulrich Mueller, Cologne/ D
2010 Drawings, Kudlek van der Grinten Galerie, Cologne/ D
2008 Plan D, Düsseldorf (with Kaneyuki Shimoosako), Galerie Ulrich Mueller, Cologne/ D
2007 Große Zeichnung 24, Galerie Weissraum, Kyoto/ J
2005 Verein für aktuelle Kunst, Oberhausen (with Tobias Abel)/ D
2004 Galerie Ulrich Mueller, Cologne/ D
2003 Leinwände, Papierarbeiten und Leporellos, Herder Raum für Kunst, Cologne/ D
2002 Hin und Her, Emschertalmuseum, Herne/ D (K)
Hin und Her, Stadtmuseum, Siegburg/ D
2001 Galerie Ulrich Mueller, Cologne/ D
1999 Installation und Zeichnungen, Schloss Ringenberg, Wesel/ D
Raumzeichnung mit Staub, Kunstverein Cologne RRh im Kunstwerk, Cologne/ D
1998 Galerie Ulrich Mueller, Cologne/ D
Silberstiftzeichnungen, Art Base, Cologne/ D
1996 Der enge Raum, Project in Cologne, Kölnisches Stadtmuseum, Cologne/ D (K)
1995 Werkwechsel, Von der Heydt-Museum, Wuppertal/ D (K)
1994 Artothek, Cologne/ D


GROUP EXHIBITIONS (selection)

2016 Paper Works II, Galerie Martin Mertens, Berlin/ D
2013 Walking the Line V, Galerie Martin Kudlek, Cologne/ D
2012 Walking the Line IV, Galerie Martin Kudlek, Cologne/ D
2011 German Marks, Gallery Joe, Philadelphia/ USA
Walking the Line III, Kudlek van der Grinten Galerie, Cologne/ D
2010 Walking the Line II, Kudlek van der Grinten Galerie, Cologne/ D
2006 Skulptur im Park, Cologne/ D
2005 Köln-Kunst 7, Kleinsassen/ D
Ausgezeichnet, Kunstwerk, Cologne/ D
2004 Infinite Possibilities, Davis Museum, Boston/ USA
2002 Ad Infinitum, (Serielle Zeichnungen in der Sammlung Kramarsky), New York/ USA
Grafiktriennale, Frechen/ D
2001 Intercity, Kunsthalle, Krakow/ PL (K)
1998 Gabriele-Münter-Preis, Erfurt/ D
per Video, Museum Ludwig, Cologne/ D (K)
Köln-Kunst 5, Kunsthalle, Cologne/ D (K)
1997 Handzeichnungen, Cologne, Leipzig/ D
Gabriele-Münter-Preis, Bonn, Osnabrück/ D (K)
1995 Köln-Kunst 4, Cologne/ D (K)
Mit Natur, Gothaer Kunstforum, Cologne/ D (K)
Vier ZeichnerInnen, BBK Cologne/ D
1994 Privatgrün, Cologne/ D (K)


PUBLICATIONS

2010 Vom Raum zwischen den Dingen
2002 Hin + Her
2001 Ellen Keusen 0000-1306
1999 Lübecker Blätter


SCHOLARSHIPS

2015 Künstlerhaus Ahrenshoop/ D
2013 Studienaufenthalt NES/ Island
2007 Studienaufenthalt Japan
2002 Dr. Dormagen-Guffanti-Stipendium, Köln/D


COLLECTIONS

Museum Ludwig, Cologne / D // Museum Kolumba, Cologne / D // Emschertalmuseum, Herne / D // Sammlung W. Kramarsky, New York / USA // Yale University Museum / USA // The Contemporary Museum Honolulu, Hawaii / USA