// Heiko Räpple Portrait


Vom Möglichen zum Wirklichen


(Please scroll down for english version)

Ein Dialog über das bildhauerische Werk von Heiko Räpple zwischen Julia Ritterskamp und Anke Volkmer

AV: Wie siehst Du die Arbeit von Heiko Räpple, was ist das spezifische an seiner Auseinandersetzung mit der Bildhauerei?

JR: Bei ihm fasziniert mich immer wieder der Spagat zwischen anspruchsvoller intellektueller Bearbeitung von künstlerischen sowie metaphysischen Fragestellungen und einer dem Klischeebild des Künstlers völlig entgegen gesetzten Bodenständigkeit.

AV: Das sehe ich auch in seinem Werk, das immer wieder konzeptuelle Fragen stellt und sich gleichzeitig durch eine ungeheure Energie und Lust am handwerklichen Arbeiten auszeichnet. Ich meine damit Energie im griechischen Ursinn, also die Kraft, die dem Möglichen zum Wirklichen verhilft. Aus den vielfältigen Beobachtungen, die seine Gedankenwelt prägen, abstrahiert er sein spezielles Vokabular von Raum, Form und Figur. Er modelliert, gießt, sägt, schraubt und schweißt und schwelgt dabei geradezu in einer Materialfülle. Das ist mir erstmalig bei seiner Abschlusspräsentation an der Kunstakademie Düsseldorf 2009 aufgefallen.

JR: Mir hatten es bei dieser Präsentation vor allem auch die formalen Überlegungen angetan, zum Beispiel was ist Innen und Außen, was ist Positiv und Negativ bei einer Skulptur. Nehmen wir die Arbeit Niob: die üblicherweise innen zur Stabilisierung versteckt angebrachte Holzkonstruktion wird sichtbar nach außen gebracht. Der „Verputz“ hingegen nach innen. Oder Puneg: Wäre das Werk nicht wie ein Relief an die Wand gehängt, hätte es den Charakter einer Gussform. So entsteht ein völlig neuer Zusammenhang und die Wertigkeit zwischen Negativ und Positiv wird aufgehoben.

AV: Oder auch im Ausponderieren von Leicht und Schwer, bei dem Gips wie Beton erscheinen kann, entwickelt er ein dem er ein gekonntes Verwirrspiel zwischen Material- und Motivsprache. Applaus wirkt leicht, was aber durch die graue Farbigkeit, die an Beton denken lässt, negiert wird. Dabei hat er hier mit pigmentversetztem Mineralgips gearbeitet. Diese ganzen Gegensatzpaare dekliniert Heiko Räpple konsequent durch sein bisheriges Werk. Auch die Hinterfragung der Präsentationsformen von Skulptur auf Boden, Sockel oder Wand wie bei seinen frühen großen Gipsarbeiten, z.B. Explosion, gehört dazu.

JR: Mir noch ein dialektisches Paar ein, welches eine Rolle spielt: Weich und Hart. Haptone liegt auf den ersten Blick wie eine bequeme Matratze im Raum. Man sollte aber der Versuchung widerstehen, sich schwungvoll darauf zu werfen, denn das Material (Acrystal) ist alles andere als weich.

AV: Des Weiteren gehören Bewegung und Statik zu seinem künstlerischen Vokabular. An sich Statisches wirkt dynamisch, wie bei Karya, wo der Betrachter eine Drehbewegung zu erkennen glaubt. Der Gips wirkt einerseits im Sinne des Hellenismus stofflich und sehr bewegt, andererseits klingen Säulenkanelluren an.

JR: Wo Du schon auf die Kunst der Antike anspielst, da gibt es noch einen weiteren interessanten Aspekt, der ins Auge springt: In Heiko Räpples Werk findet man auffällig häufig die von zeitgenössischen Künstlern selten gewählte Form des Wandreliefs.

AV: Wieso aber interessiert er sich für ein so klassisches Medium, welches, vor dem Hintergrund der Geschichte betrachtet, durch die häufige Unterordnung unter die Architektur schon fast einen Anklang an Dekoration hat?

JR: Ich könnte mir vorstellen, dass es etwas mit seinem Gesamtwerk und mit den dahinter stehenden Fragen nach Raum und Bild, nach graphischen und skulpturalen Elementen zu tun hat. Damit zusammenhängend sollte man aber auch bemerken, dass Heiko Räpples Reliefs sich von den Friesen der Antike durchaus formal unterscheiden: sie kommen zum Beispiel sehr weit in den Raum.

AV: Und eine Arbeit wie Ahn 2 verdeutlicht, dass die Außen- oder Rückseite im Relief wie bei einer freistehenden Skulptur sichtbar sein muss. Seine Arbeitsschritte werden nachvollziehbar und somit das Reifen der ganzen Arbeit. Die Illusion wird gebrochen. Wird Skulptur aber nun zum Bild oder eine Bildidee räumlich umgesetzt?

JR: Das Spiel damit, die Frage, welche sich der Betrachter angesichts der Arbeiten automatisch stellt, ist vielleicht ein Teil des Diskurses, den Heiko Räpple anregen möchte: Was kann und was ist Skulptur eigentlich? Wie lässt sich dieses innerhalb der Bildsprache der Skulptur erörtern? Und sind derartige Abgrenzungen und Schubladen überhaupt wichtig?

AV: Dazu aber direkt auch eine provokante Frage: Was ist daran neu? Und was ist der zeitgenössische Anspruch?

JR: Da fallen mir ein paar Aspekte ein: Die Arbeiten füllen und halten den Raum, sie sind aber weder explizit raumbezogen und installativ angelegt, noch kann man sie in die Kategorie von Skulptur einordnen, die irgendwo harmonisch auf einem Kaminsims steht. Sie sind gleichzeitig elegant und sperrig, beinhalten die Faszination am Unfertigen, am Prozess – und sind doch perfekt, so wie sie sind. Damit grenzen sie sich nicht nur von einem früheren Skulpturverständnis ab, sondern auch von der aktuell vorherrschenden Tendenz, das Material – im übertragenen Sinne – auf einen Sockel zu stellen.

AV: In jüngster Zeit sind seine Werke großformatiger geworden, es findet ein neues Drängen in den Raum statt. Mir fallen bei den neuen Arbeiten auf, dass die Formen zum Teil weniger geschlossen sind. Einige Arbeiten sind farbig und auf jeden Fall breiten sie sich im Vergleich zu früheren Werken weiter aus so wie Supernova und French Blue.

JR: Grundsätzlich kann man eine große Entwicklung sehen zwischen der Kunstakademie Düsseldorf und der Abschlusspräsentation bei de ateliers in Amsterdam. Die neuen Arbeiten sind freier und bearbeiten die gleichen Fragen auf einem sehr hohen Niveau, aber gleichzeitig viel leichter und spielerischer.

AV: Mir fällt noch auf, dass Heiko Räpple im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen die Werke assoziativ betitelt. Häufig stammen die Bezeichnungen aus den Feldern der klassischen Mythologie (zum Beispiel Niob) oder auch der Astronomie (wie Supernova). Manchmal sind es aber auch Phantasiewörter, die dennoch eine Stimmung evozieren (wie Haptone). Hat das einen konkreten inhaltlichen Zusammenhang?

JR: Ich glaube eher, dass die Titel im Nachhinein gewählt werden. Die inhaltliche und formale Idee besteht zuerst, unter Umständen betonen die Bezeichnungen diese. Vielleicht dienen sie aber auch nur Eindeutigkeit, ganz praxisorientiert.

AV: Zusammenfassend kann man also sagen, dass der Rezipient zunächst einen scheinbar leichten, unmittelbaren Zugang zu den Arbeiten ermöglicht bekommt: wir haben Formen, Materialien und alles in einem dem Auge sehr angenehmen Zusammenspiel. Doch wenn man bereit ist, über diesen oberflächlichen Ersteindruck hinauszugehen, merkt man, wie viel hier plastisch diskutiert wird und bleibt dann doch noch mit einigen unbeantworteten Fragen auf sich gestellt.

JR: Und der Anstoß zum Fragen stellen und Weiterdenken ist als Ergebnis der Kunstbetrachtung im Allgemeinen ja nicht das Schlechteste.


English Version


From the possible to the real


A dialogue between Julia Ritterskamp and Anke Volkmer about the sculpture work of Heiko Räpple.

AV: What is your opinion of Heiko Räpple’s work? What is so special about his approach to sculpture?

JR: I am always fascinated by the juxtaposition between the challenging, intellectual treatment of artistic and metaphysical themes and the down-to-earth nature of the work, which is completely atypical of the cliché artist.

AV: Yes, I also see that in his work, it poses recurring conceptual questions whilst at the same time exuding an incredible energy and passion for manual work. By that I mean energy in the original Greek sense, that is to say the power which allows for the possible to become real.
From the many observations that shape his way of thinking he derives his very own special vocabulary of space, shape and form. He models, casts, saws, screws and welds and hammers, using the material to its full extent. I first noticed that at his graduation exhibition at the Kunstakademie Düsseldorf in 2009.

JR: In that presentation, the formal considerations particularly appealed to me, for example what is inside and outside, what is positive and negative in a sculpture. Take the piece Niob: the stabilising wooden construction which is generally hidden inside is deliberately brought forward to be visible outside. The “plasterwork” on the contrary is then on the inside. Or Puneg: if the work wasn’t hung on the wall like a relief, it would have the character of a cast mould. That evokes a totally new context and the significance of negative versus positive is invalidated.

AV: That is also true of the juxtaposition of light and heavy whereby plaster has the appearance of concrete, developing an effective confusion between material and motif. Applaus seems
lightweight, but that is negated by the greyness which makes one think of concrete. In that piece he used pigment-altered plaster. All of Heiko Räpple’s works to date consistently demonstrate these contrasting pairs. That also includes
questioning presentation forms of sculptures on the floor, on a plinth or on the wall, as demonstrated by his earlier plaster works, e.g. Explosion.

JR: I can think of another dichotomy that plays a key role: soft and hard. At first glance, Haptone lies in the room like a comfortable mattress. However, you have to resist the temptation to throw yourself onto it because the material (Acrystal) is anything but soft.

AV: Furthermore, his artistic language also includes movement and stasis. In itself the static seems dynamic, as in his piece Karya, where the viewer perceives a twisting motion. On the one hand the plaster appears to be material and very formed in the Hellenism sense, on the other hand it is reminiscent of column fluting.

JR: Where you mention the artwork of the ancient civilisations, another interesting aspect becomes apparent: Heiko Räpple’s work notably often includes wall reliefs, a form very seldom chosen by contemporary artists.

AV: But why is he interested in such a classical medium which, when considered in a historical context, is almost decorative due to its frequent application in architecture?

JR: I could imagine that it has something to do with his overall work and with the questions behind it, namely of space and image, of graphic and sculptural elements. In that regard it must however also be noted that Heiko Räpple’s reliefs differ entirely from the Friezes of the antique era, for example in that they project very far into the room.

AV: And a piece such as Ahn 2 exemplifies the fact that the exterior or back of a relief has to be visible, just as if it were a free-standing sculpture. His work processes are comprehensible and thus the entire piece gains maturity. The illusion is shattered. Is sculpture now becoming image or is an image concept being put into a spatial form?

JR: This interplay, the question that the viewer automatically poses about the pieces is perhaps part of the discourse that Heiko Räpple wants to prompt: what is sculpture and what can it actually do? How can that be conveyed by the visual form of a sculpture? And are these types of classifications and pigeonholing important at all?

AV: And another provocative question: what is new? What is the contemporary pretence?

JR: A few aspects occur to me there. The works fill and capture the space, although they are neither explicitly spatial nor installation-based in their nature, nor can they be classified as sculptures which can be placed harmoniously on a mantelpiece. They are simultaneously elegant and bulky, captivate the fascination with the unfinished, with the process, and are quite simply perfect as they are. They do not only deviate from a traditional notion of sculpture but also from the current predominant trend towards placing the material, figuratively speaking, on a plinth.

AV: His most recent pieces have been larger scale, they project into the room in a new way. When looking at the new pieces you can see that the shapes are to a certain extent less closed. Some of them are colourful and in comparison to earlier works certainly spread themselves more, for example Supernova and French Blue.

JR: A great development can be seen between the Kunstakademie Düsseldorf and the graduation exhibition at de ateliers in Amsterdam. The recent work is freer and deals with the same issues on a very high level, whilst at the same time being much lighter and more playful.

AV: I also notice that contrary to many of his contemporaries, Heiko Räpple’s pieces have associative titles. In many cases the references are to fields such as classical mythology (for example Niob) or astronomy (such as Supernova). Yet sometimes they are made up words which do however evoke a sense (such as Haptone). Is there a specific reasoning behind that?

JR: I rather believe that the titles come afterwards. The content and formal idea comes first, in some cases the titles then emphasise that. Or perhaps they only serve to differentiate the pieces, simply practical.

AV: So in conclusion it could be said that the recipient is first offered an apparently easy, immediate access point to the works: we have shapes, materials and all in all a very aesthetically pleasing combination. However, if you are prepared to look beyond this superficial first impression you notice how many spatial and shape-related issues are being discussed and then find yourself still with a number of unanswered questions.

JR: And the impetus to ask questions and contemplate as a result of looking at art is after all not the worst.

// Heiko Räpple / vita



1981 born in Oberkirch/ Germany
2002-2009 Study at the Kunstakademie Düsseldorf
2008 Meisterschüler of Prof. Didier Vermeiren
2009 Akademiebrief / Diploma
2009-2011 Artist in residence stipend „de Ateliers“ Amsterdam

Currently lives and works in Düsseldorf, Germany.


SOLO EXHIBITIONS

2015 Relievo, Galerie Martin Kudlek, Cologne/ D
2014 Ballerinas II, Raum e.V., Düsseldorf/ D
capture, Virtuell-Visuell e.V. with Simon Halfmeyer, Dorsten/ D
Kunstraum Gagarin, Düsseldorf/ D
2013 Pollux, Kunstmuseum Solingen/ D
2012 Radionica, Baustelle Schaustelle, Essen/ D
Mit weißem Wasser bedeckt (With Gesine Grundman), Raum13, Cologne/ D
2011 Debut, Kunstverein Offenburg/ D
2007 Monumente, acapulco Düsseldorf/ D


GROUP EXHIBITIONS

2016 De statua-Davor und Danach, curated by Didier Vermeiren, KIT-Kunst im Tunnel, Düsseldorf/ D
Halfmeyer, Räpple, Richter, O.H.A. 15 Projektraum, Düsseldorf/ D
Utopia, Podbielski Contemporary, Berlin/ D
2015 Back to the Future, curated by Gérad Goodrow, Podbielski Contemporary, Berlin/ D
2014 Hin und Weg, Kunstverein Mischpoke, Duisburg/ D
2012 “11/2012”, Kunstverein Kirschenpflücker, Cologne/ D
Anna Schmitt, Anna Schmitt, Düsseldorf/ D
Grants, Lepsien Art Foundation, Düsseldorf/ D
No. 1, Sky Office, Düsseldorf/ D
Mischpoke im KJUBH, Kunstverein KJUBH, Cologne/ D
Freitag, der 13. (with Nicolai Crestianinov), Kudlek van der Grinten Galerie, Cologne/ D
2011 Die Tiefe der Räume (with Kai-Uwe Schulte-Bunert), Gallery Filser & Graf, Munich/ D
„11 × 11“, apARTment, Munich/ D
Intermittenz, Bartlebooth & Smautf, Düsseldorf/ D
Gran Final, Foyer – night of the museums, Düsseldorf/ D
Psychopomp Counsell, de ateliers Amsterdam/ NL
Sunbeam in the glasshouse, Kunstverein 701, Düsseldorf/ D
Technique et Sentiment, Gallery Greta Meert, Brussels/ B
2010 Forms follows Functions, Foyer Düsseldorf/ D
Drinnen und Draußen, Gallery Chert, Berlin/ D
Castle of dicipline, Möglichkeit des Raumes, Mischpoke, Mönchengladbach/ D
2009 RölfsPartner Kunsttage, Kunst im Tunnel, Düsseldorf/ D
Pension Flora, Mönchengladbach/ D
Opus caementitium, Galerie Rupert Pfab, Düsseldorf/ D
CLEAN FUN, Reisholzer Werftstr. 78, Düsseldorf-Reisholz/ D
63. Bergische Kunstausstellung, Museum Baden, Solingen and Städtische Galerie, Remscheid/ D
2008 Believe me!, Kunst im Tunnel, Düsseldorf/ D
1,2,3…Förderkoje…Kirchenfenster, First floor contemporary, Düsseldorf/ D
RölfPartner stipend, Düsseldorf/ D
Staffellauf, Grassereins, Munich/ D
2007 Format 13×18 60×45, Galerie Christine Hölz, Alt-Mühlrath/ D
462 m2 -409 m2, Gloria Halle, Düsseldorf/ D
Komm, Studio Hantmann/Plum, Cologne/ D
Mount Bier Rhabarber-Wahrheit, Galerie Stefanie Bender, Munich/ D
Art up, Kunstförderverein Düren/ D
Otherside, Malergrotte, Cologne/ D
2006 Atmo, QB15 Karlsruhe/ D
Bretter die, die Welt bedeuten, acapulco Düsseldorf/ D
Hannibal, QB15 Karlsruhe/ D
Zip Zap Rap, Moema, Mönchengladbach/ D
2005 Türmchen, Baby!, Künstlerhaus Hilden/ D
International art workshop, Weiz/ A